This is not America

... läuft beim Radiosender meines Vertrauens dieser Tage wieder öfter. Die Gründe dürften auf der Hand liegen. 
Dieser uralte Bowie-Song ist ein Stück Musik, das mir direkt ins Herz fährt, auch nach über dreißig Jahren noch, und den schwarzen Hund sofort weckt. 

Mein Vater hat sehr gerne David Bowie gehört, als ich Kind war. Und die Alben der sehr frühen 80er bringen den Kummer, den ich als Kind hatte, wenn wieder ein Wochenende bei Papa vorbei war, sehr unmittelbar zurück. 
Ich stehe also an einem sonnigen, kalten Novembersamstag in der Küche, mache Mittagessen für die drei Kinder, die zuhause sind, und dieses Lied läuft. Mein Herz wird sofort kalt und fühlt sich schwer an. Ich spüre einen Kloß im Hals und einen im Magen und die verdammten Tränen, die immer dann laufen wollen, wenn es so überhaupt gar nicht passt, sitzen mir auch schon wieder im Augenwinkel.  

Warum hat Musik die Macht, so alte Gefühle zu wecken? Wie kann ein Lied aus einer 41jährigen sofort wieder eine 9jährige machen, die im Fond eines Mercedes T-Modells auf dem Weg zum Flughafen sitzt, das dunkle West-Berlin vor den Autofenstern und diesen dicken Kloß im Bauch? Dieser Kummer und dieses Gefühl von Verlorensein und nirgends hinzugehören packen mich sofort am Wickel, bämm, und ich habe einfach kein Werkzeug am Start, um das wegzuschieben. Ich kann nichtmal das verdammte Radio ausmachen.


Ich war eines von den Kindern, die die Trennung ihrer Eltern nicht sonderlich gut verpackt haben. Dabei kann ich mich an Zeiten, in denen sie zusammen lebten, nichtmal mehr erinnern. Als mein Vater auszog, war ich drei. Ich habe darunter gelitten, dass mein Vater so weit weg war, darunter, dass ich ihn bestenfalls alle sechs Wochen oder so mal gesehen habe, erst kam er dann übers Wochenende mit seiner Freundin in meine Heimatstadt, später bin ich Freitagabend mit PanAm ab Frankfurt/Main geflogen, Sonntagnachmittag ab Tegel wieder zurück. Und immer der Wunsch, meine Eltern sollten sich doch wieder vertragen, völlig bescheuert, aber ich glaube, diesen Wunsch haben viele Kinder, deren Eltern sich getrennt haben.
Inwieweit meine Kindheit dazu beigetragen hat, dass bei mir ein mal mehr, mal weniger großer schwarzer Hund wohnt, weiß ich nicht. Es ist auch müßig, über hättewennundaber nachzugrübeln und sich in einer lange vergangenen Zeit zu verlieren, auf der Suche nach Gründen dafür, dass ich bin, wie ich bin. Nur manchmal, wenn bestimmte Songs unvermittelt irgendwo laufen, erwischt es mich doch. Vielleicht gehört das auch dazu.

Kommentare

  1. Natürlich erwischt es einen ab und zu...du bist nicht aus Stein...und das ist gut so!
    Liebste Grüße,
    Lee

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  2. Oh nein... der Vater meiner Kinder trennt sich auch gerade von uns, und mein Großer ist bald 4 ... :( :( :( Das holt gerade bei mir die Klöße in Brust und Hals zurück... Ich kenne das zu gut, dass Musik bestimmte Gefühle zum Klingen bringen. Das habe ich auch zur Verarbeitung mancher Rückschläge genutzt, in dem ich mich diesen Gefühlen immer und immer wieder gestellt habe und alle Tränen zugelassen habe. Doch da war ich noch allein und konnte mich den ganzen Tag verkriechen. Mit meinen Kindern ist das jetzt unendlich schwer... Sie können natürlich sehen und sollen auch wissen, dass ich traurig bin. Aber ich will sie natürlich auch nicht verunsichern und überfordern... es ist alles so schrecklich gerade...
    Tut mir leid, dass ich nur von mir rumheule, wo es hier doch um Dich gehen soll...

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  3. Oh ja, ich kenne das... Lieder... und ich bin wieder klein... viele sind bei mir mit schönen Erinnerungen verknüpft, die erste Liebe - oder besser das erste Verliebtsein... "Voyage voyage"... ich bin sofort 13 und unsterbkich verliebt... verfolgt mich bis in meine Träume...
    Blöder schwarzer Hund! Soll er sich doch wegscheren... Ich drück dich!
    Liebe Grüße
    Julia

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  4. Liebe Paula,

    Du solltest dem schwarzen Hund eine Schale Wasser hinstellen und eine Fleischwurst kredenzen ;-) und die Tränen zulassen - auch wenn die Kinder in der Nähe sind. Vielleicht kannst Du Dich ganz schnell aufs Klo verkrümeln, um mal ein paar Minuten alleine zu sein.

    Wie dem auch sei: Ich gehöre auch zur emotionalen Fraktion und Musik war schon immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens (durch meine Kinder ist das leider ein bissel in den Hintergrund gerückt). Mich hat Musik begleitet, wenn ich traurig war oder gut gelaunt. Nächtelang habe ich damals ,während meines Studiums, mit meinen Freunden Musik gehört und darüber diskutiert (über Texte, Melodien,etc.) Deshalb kann ich sehr gut verstehen, was Musik mit Dir "macht" - bei mir ist es dasselbe.

    Vor den grauen Novembertagen gruselt es mich schon mein ganzes Leben - mit den Kindern ist es glücklicherweise etwas leichter geworden.

    Dir alles Gute! Halt die Ohren steif.

    Janine

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