#notjustsad - Medikamente nach fast neun Jahren

"Nervenärzte" steht auf dem Schild der Praxis in einem wirklich hübschen Berliner Altbau. 
Ich will da nicht reingehen. Ich war seit 2007 bei keinem Nervenarzt mehr, und ja, das hat sich die letzten knapp neun Jahre immer ein bißchen angefühlt wie rausgestreckte Zunge, der Krankheit gegenüber. "Nänänänä-nä, ich bin stärker, a-hals duhu". Gestern fühlt es sich daher an, wie eine Niederlage, als ich mit der ningeligen Mini im Gepäck an den Tresen trete und mich anmelde, irgendwas von "dazwischengeschoben, Familienberatung, Kind kränkelt" rede. Ei-gent-lich gibt es keine freien Termine bei Psychiatern, jedenfalls nicht innerhalb von drei Wochen. Und eigentlich nimmt auch niemand sein Kind dorthin mit, wenn er nicht unbedingt muß. Die Mini ist eh ein Seismograph, was meine Verfassung anbelangt. Und ich setze sie diesem Termin aus, na wunderbar.
"Nervenärzte". Meine Nerven. Augenroll. 
Praxis voll, gehen Sie doch noch ein bißchen spazieren, ist ja auch schöner fürs Kind. Ja. Gern. Sicher. Die Mini schläft nicht ein in der Trage, während wir spazierengehen. Obwohl sie hundemüde ist und eigentlich immer einschläft, beim Tragen.
Als wir wiederkommen, dauert es noch 5 Minuten, das ist echt schnell, und dann begrüßt mich ein Mann, der mich fatal an meinen Vater erinnert. Dieselben braunen Augen, dieselbe hagere Gestalt, ein großer Mann im geringelten T-Shirt der aussieht, wie mein Vater vielleicht aussähe, wäre er nicht krank geworden. Verdammte Scheiße, kann ich bitte wieder gehen? Nein, kann ich nicht, und außerdem, reiß dich mal zusammen und sei ein bißchen erwachsen. 

Nach Wolken kommt Sonnenschein. SPO 2016
 
Der Nervenarzt macht ein eine lockere Anamnese mit mir. Wie lange schon, wann zuletzt, welche Diagnosen, welche Therapien, welche Medikamente, familiäre Neigung dazu eventuell bekannt, und überhaupt, warum eigentlich eine Depression, bei einem augenscheinlich doch normalen Leben, mit dem Wohnungsthema als größter Belastung. Ja, warum eigentlich? Wenn ich das wüßte.  
Der Mann irritiert mich, und es dauert eine ganze Weile, bis ich damit zurechtkomme. Dann aber ist seine etwas flapsige Art, zu reden, genau mein Ding. Er hätte zwei Dinge zu verkaufen, sagt er, Therapien und Pillen. Ich will aber keine Therapie, jetzt gerade. Ich habe so lange Jahre mit Therapien verbracht, ich bin es müde, immernoch. Ich kenne meinen schwarzen Hund gut, und ich will nicht seine ganze Entstehungsgeschichte nochmal wieder ausbreiten, vor einem neuen Therapeuten oder einer neuen Therapeutin. Ich brauche einfach andere Werkzeuge in meinem Köfferchen, um dem Köter beizukommen. Aber ich habe keinen Elan für neue Werkzeuge, den muß ich erstmal wiederfinden. Ich muß mich erstmal entlasten, wie das im Therapiesprech so schön heißt, also will ich jetzt Pillen. Nein, eigentlich nicht. Eigentlich will ich aufstehen und rausgehen, aus dieser Nervenarztpraxis, den sonnigen Herbst genießen und das alles vergessen, diese abgrundtiefe Leere und dieses völlig unbegründete Gefühl von Verzweiflung. Diese lähmende Angst davor, meiner Familie eine Last und unseren Kindern eine schlechte Mutter zu sein. Das Gefühl, verloren zu sein in der Welt, haltlos, nicht fähig, mir Dinge vom Leib zu halten, die mich belasten und behindern. Wie ich das hasse. Und ich komm da nicht mehr raus, seit Monaten nicht, deshalb sitze ich jetzt dort, und deshalb stehe ich nicht einfach auf und gehe, sondern nehme ein Rezept mit, und einen Terminzettel, und den freundlichen Hinweis, doch bitte unbedingt anzurufen oder vorbeizukommen, wenn es schlimmer wird. Das wollte ich nie wieder hören, diesen Satz, der die Worte "bevor Sie sich umbringen, melden Sie sich doch bitte" nur netter verkleidet. 
Ich gehe in die Apotheke, ach, hallo Frau Paula, alle Kinder gesund? Hier ist die Hauptstadt dörflich, die Apothekerin kennt mich mit Schwangerschaftsübelkeit, Milchstau, suppender Kaiserschnittnarbe, kranken Kindern und jetzt auch mit Depressionen. Ich schäme mich, als ich das Rezept auf den Tresen lege, ich möchte im Erdboden versinken und wegrennen, schon wieder. Ich will das nicht. Ich hab verloren, diese Runde geht an den schwarzen Hund und ich gehe nach Hause, recherchieren, ob sich das Medikament mit dem Umstand, dass ich noch stille, verträgt. 

 

Ich habe Angst vor den Nebenwirkungen. Ich will ich selber bleiben, und nicht wieder eine Glasglocke über meinem eigentlichen ich und all meinen Emotionen haben. Ich will nicht vor lauter Müdigkeit die Bande mit irgendwas beschäftigen müssen, wobei sie mich möglichst nicht braucht. Ich fürchte mich. Aber ich hab gerade keine andere Idee mehr, wie es besser werden könnte. Es
kommt wohl auf einen Versuch an. 

Kommentare

  1. Liebe Paula,
    ich kann dich so gut verstehen...in manchen Sachen sind wir uns ähnlicher als gedacht. Ich finde es toll das du es versucht, auch wenn alles in dir nein schreit. Ich hoffe sehr das der Versuch klappt und deine Sonne wieder scheint...ich drücke ganz fest die Daumen!
    Liebste Grüße,
    Lee

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  2. ganz viel Kraft wünsche ich Dir ♥
    sei ganz lieb gegrüßt
    anja

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  3. Liebe Paula, zuerst einmal verdienst Du meinen größten Respekt. Denn allein mit diesem Beitrag hier hast Du dem schwarzen Hund schon ordentlich die Zähne gezeigt. Wenn Du auch gerade Unterstützung in Tablettenform brauchst, so ist das völlig legitim. Und dass Du Angst vor den Nebenwirkungen hast, glaube ich Dir gerne. Hach, Berlin ist einfach zu weit weg. Sonst würde ich Dich im Leben 1.0 einfach mal feste in den Arm nehmen! Fühl Dich ganz fest gedrückt! Barbara

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  4. Hallo Paula,
    ich lese schon einige Zeit deinen Blog. Ich finde es toll, wie ehrlich du mit der Krankheit umgehst.
    Ich hätte eine Möglichkeit die Nebenwirkungen deiner Medikamente sehr zu reduzieren mit Hilfe von Sanjeevinikarten. Falls es dich interessiert, schick mir eine Email an Tortenfee@gmx.net und ich schicke dir eine ausführliche Erklärung. Alles Gute.
    Liebe Grüße
    Sabine

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  5. Ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass es den Versuch wert ist und die Glasglocke durchlässig bleibt! Auf dass der Köter in einen sehr langen Winterschlaf falle... Pass auf dich auf, verwöhne dich, wo es geht, oder was sonst helfen mag. (?)

    Lieber Gruß
    Steffi

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  6. Liebe Paula! Ich nehme dich jetzt mal ganz lange und feste in den arm!!und nimm sie...die doofen Tabletten. .erstmal!!es kommen wieder andere Zeiten. ..aber Grade fehlt die Widerstandskraft gegen den schwarzen hund ..also lähnelt ihn damit.erstmal!!ich finde es so bewundernswert, wie du damit umgehst!und es ist KEIN Grund zu flüchten oder sich zu schämen! Drück dich! !Tanja

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  7. .....puh..... erstmal....Komm her, ich nehme ich Dich mal auf´n Arm. Das tut immer gut. Und dann, während ich Dich feste drücke sage ich Dir, ich hab soviel Hochachtung vor Dir, vor dem was Du schreibst und wie Du es schreibst und dass Du es schaffst jeden Tag so stark zu sein. Und genau das bist, wenn Du Dich auch ganz anders fühlst! Es ist das schwerste auf der Welt sich schlecht zu fühlen und trotzdem eine Mama zu sein! Und es ist doch genau richtig, sich Hilfe zu holen, wenn man sie braucht. Also, schau ob die Tabletten Dir helfen können. Schau, wie Du Dich damit fühlst. Und schau, ob sie Dir beim Stark sein helfen können. Wenn nicht, dann schick sie dahin wo dieser Köter hingehört! Und bitte, sag ab und an mal wie es Dir geht, ok?????????
    Jenny

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  8. Nein Paula, Du hast nicht verloren. Du hast gewonnen. Jeder, der aufsteht und aufrichtig und ehrlich zu sich und zur Welt ist, hat gewonnen. Wenn es gesellschaftlich nicht immer noch so problematisch wäre, dann würdest Du Dich sicherlich auch nur halb so schlecht fühlen. Niemand schämt sich, weil er sich ein Antibiotikum gegen eine Streptokokken-Angina in der Apotheke holt. Kann man ja schließelich nichts dafür, wenn man sich so doofe Bakterien einfängt und dann Halsschmerzen hat, wie die Sau. Ist doch klar.
    Ach so, aber wenn die Seele schwarz wird, dann hat man das wohl absichtlich gemacht? Das ist immer noch das große große Problem in unserer Gesellschaft und es wird sich nicht ändern, solange nicht viel mehr Menschen aufstehen und ehrlich sind und aufhören, sich zu schämen.
    Deshalb hast Du gewonnen. Die Herzen von ganz vielen Menschen sowieso, aber auch größten Respekt.

    Ich drück Dich fest. Auf dass es schnell heller wird, und Du wieder Licht am Ende des Tunnels siehst!
    Lilo

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    1. Dem schließe ich mich mit jedem Wort an!
      :*

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  9. Nach Lilos tollen und so treffenden Worten, mag mir nichts Gleichwertiges einfallen.
    Daher "nur" ein dicker, von Herzen kommender Drücker!
    Liebste Grüße Ina

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