An den Landungsbrücken raus...

... dieses Bild verdient Applaus.


Ich war in Hamburg. Zuhause. Und ein paar Tage, bevor ich gefahren bin, lief dieses Lied von Kettcar in meinem Radio. Wie immer mußte ich heulen. An der Textstelle "...na dann herzlich willkommen zuhaus" bricht mir auch nach mehr als sechs Jahren im "Exil" fast das Herz. Ich wollte nienienie woanders leben, als eben in Hamburg, auch wenn ich, wie mein Mann so freundlich ist, immer wieder festzustellen, eigentlich nur eine "Rucksackhanseatin" bin. Dafür aber eine mit Leib und Seele. Bereits mit 5, nach einem Geburtstagsbesuch in Hagenbecks Tierpark, habe ich meinen Großeltern am Abendbrottisch verkündet, unbedingt in Hamburg wohnen zu wollen, wenn ich mal groß bin. Bis dahin floß allerdings noch eine Menge Wasser die Elbe, den Main und die Isar hinuntern, aber im Juni 1996 war es soweit: mit einem Peugeot205-großen Kofferraum voller Habseligkeiten landete ich in Hamburg. Sehnsuchtsstadt, Wunschwohnort, meine ganz eigene Vorstellung vom erwachsenwerden. 


 

Ich hab ein eigentlich perfektes Studium in München dafür geschmissen (und in meiner unendlichen jugendlichen Arroganz geglaubt, das ließe sich in Hamburg einfach nahtlos an anderer Stelle weiterführen), ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon ich meinen Lebensunterhalt bestreiten wollte oder was ich machen würde, wenn es nicht klappt mit meinen vagen Plänen für ein Studium - aber dass es Hamburg sein mußte oder nix, das wußte ich mit knapp 21 ganz genau. 

 
 

Es folgten mehr als 13 Jahre in dieser meiner Herzensheimat. Ich habe gearbeitet, eine Ausbildung gemacht, studiert, ich hatte eine Menge Jobs zur Finanzierung dieses Studiums (darunter der Kassenjob an der inzwischen abgerissenen Esso-Tanke am Spielbudenplatz), ich habe geliebt, gelacht, geweint, gelitten, gehadert, gefeiert und getanzt (auch morgens um 5 auf wackeligen Imbisstischen gegenüber der Davidswache), habe Freunde fürs Leben gefunden und andere verloren, bin auf den falschesten aller Männer hereingefallen und davongekommen, habe letztlich doch den richtigen getroffen, habe ein Kind nicht bekommen und ein anderes doch. Und dann war es vorbei, als Ende 2009 die Entscheidung Hamburg mit Kind allein und Pendelmann dazu oder Berlin als Familie anstand. 
Und heute war ich alleine mit meinem jüngsten Kind in der Stadt. Profan eigentlich, ein Zahnarzttermin. Aber das Wetter war mehr als nur schön, es war einer von diesen leuchtenden, perfekten, glasklaren Tagen, an denen der Himmel nirgends so blau ist, wie hier. Die Möwen nirgends so gut zu hören sind, die frische Brise auf der Haut genau richtig viel Ahnung von der Nähe zum Meer mitbringt, die Elbe in der Sonne glitzert und einfach alles passt. Und so habe ich mit der Mini eine kleine Reise durch mein Leben in dieser Stadt gemacht, erst an den Landungsbrücken raus, dann mit der HVV-Fähre zum Fischmarkt nach Altona, von dort über Breite Straße und Palmaille zum Bahnhof. Von dort nach Lokstedt, eine liebe Freundin besuchen. Und zum Abschluß mit der Buslinie 5 an meiner eigenen Vergangenheit rückwärts entlangfahren, vorbei an meiner letzten Wohnung hier, weiter vorbei an der ersten Wohnung, in der ich in Hamburg jemals übernachtet habe, an Hoheluft, Grindel und Uni entlang, über Dammtor, Jungfernstieg und Rathausmarkt bis zum Hauptbahnhof, abschließend noch vorbei an dem Haus, in dem ich mein erstes WG-Zimmer hatte. 

 

Ich wollte eigentlich nicht einsteigen in den Zug zurück nach Berlin, das will ich nie, wenn es Zeit wird, wieder zu gehen. Ich habe immer das Gefühl, ein Stück von mir bleibt einfach da, weil es nicht woanders sein will oder kann, als genau dort. Und wäre ich bei wünschdirwas, ich lebte mit meiner ganzen Familie genau dort. Aber wir sind halt bei soisses, also versuche ich (mit sehr wechselhaftem Erfolg...) das Beste draus zu machen, und hoffentlich irgendwann meinen Frieden damit, nur noch Gast zu sein in der in meinen Augen schönsten Stadt der Welt. 




Kommentare

  1. Es macht traurig dass zu lesen...wenn die Seele woanders hängt als der Körper ist es schwer Frieden zu finden. Ich bin sehr oft umgezogen, wegen der Ausbildung, wegen dem Beruf, wegen der Familie....und auch wenn ich mir viele andere schönere und anscheinend perfektere Orte zum Leben vorstellen könnte, habe ich gelernt mich da zuhause und zufrieden zu fühlen wo meine Familie ist. Das wünsche ich dir von Herzen!
    Liebste Grüße,
    Lee

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  2. Hoffentlich kannst Du irgendwann wirklich zurück. Wann auch immer. Trotz allem, was rational aktuell dagegen spricht, ist es keine Kleinigkeit, sein Zuhause gefunden zu haben und nicht danach zu leben. Ich umarme Dich. Aus dem Exil, meinem.

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  3. Ach Paula ... So ein wunder-wunderschöner Text, und sooo traurig. Du solltest viel mehr schreiben, du hast so ne Poesie in dir. Vielleicht als Songwriter für Kettcar? ;)

    Ich drück dich fest und wünsche mir von ganzem Herzen, dass du zum einen wirklich das Beste aus dem Jetzt machen kannst, zum anderen aber irgendwann in deinem Häuschen in Hamburg am Laptop sitzt, diesen alten Post liest und dir das Herz aufgeht an deinen eigenen Worten <3 <3 <3

    Alles alles Liebe
    Luci

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  4. Ich weine mit Dir und drück Dich ganz, ganz fest.

    Lilo

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  5. Ich weine mit Dir und drück Dich ganz, ganz fest.

    Lilo

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  6. Du schreibst immer so schön, liebe Paula. Auch, wenn´s mich wehmütig macht! So vieles kommt mir so bekannt vor und Deine schonungslose Ehrlichkeit bringt mir Dich mir so nah... im Moment ist es Traurigkeit, aber das Gefühl an sich ist gut. Danke dafür.

    Lieben Gruß

    Britta

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  7. Oh ja, das wünsche ich dir auch ganz unbedingt, dass du irgendwann deinen Frieden damit machst, nur Gast zu sein, in dieser schönen Stadt. Ich liebe Hamburg auch, aber nur als Gast, möchte dort nicht wohnen, aber auch nicht weiter weg wohnen, als jetzt. Liebe Grüße, Claudia

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  8. *seufz* ... hier ist auch ein Teil der Brise angekommen. Ich bin sehr gerührt über den ehrlichen, schönen und traurigen Text...
    Fühl Dich umarmt!
    Liebe Grüße

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  9. Liebe Paula. Verliere nie Deinen Traum...irgendwann wenn Du ganz fest dran glaubst wird er wahr. Bei dem Kettcar-Lied werde ich auch immer ganz melancholisch und denke an meinen Lieblingsurlaub in Indien im Himalaya, weilich die Landungsbrücken noch nicht kannte. LG Alex

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  10. <3 ... so wunderschön geschrieben... "vorbei an der letzten Wohnung"... "Vorbei an der ersten Wohnung, in der ich jemals in Hamburg geschlafen habe"... liebe Paula - da hab ich Gänsehaut bekommen. Und jetzt bin ich auch traurig, weil du nicht dort leben kannst, wo du am liebsten leben möchtest. Ach was, doch, bestimmt, EINES TAGES... Wunder gibt es immer wie-hie-der!!! Das wünsche ich dir jedenfalls von Herzen!!
    Ganz, ganz liebe Grüße,
    Sabine

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