# regrettingmotherhood

Seit Tagen komm ich an diesem Hashtag nicht vorbei, obwohl ich es gar nicht habe mit Twitter und diesen Rauten, hinter denen ein Schlagwort steckt. Ab und zu fassen sie mich aber doch an, das letzte, was mich, bezogen auf die Mutterschaft, wirklich angefasst hat, war das unerträgliche #selbstgeboren, und das ist schon ein paar Tage her.

Nun also dieses hier. Das bereuen der Mutterschaft, nicht nur temporär, das kennt wohl jede Mutter. Sondern dauerhaft, endgültig, mit der Haltung "dürfte ich noch einmal wählen, ich hätte das Kind / die Kinder nicht bekommen". Diese Unterscheidung finde ich wichtig, denn, wie unter anderem Berlinmittemom sehr treffend feststellt, ambivalent sind wir alle. Mal mehr, mal weniger. Echte Reue, echtes "ich wünschte, das wäre nicht so", das ist ein anderer Schuh, und dieser Schuh ist gemeint.
Tabubruch, steht in diversen Artikeln zum Thema zu lesen. Wirklich? Ich empfinde die Aussage "ich bereue es, Mutter geworden zu sein" nicht als Tabubruch. Das liegt vielleicht daran, dass Kinder in meiner Lebensplanung nicht vorkamen, die große Liese entstand aus einer Verhütungspanne. Und hat mir damit eventuell schlicht erspart, Erwartungen zu entwickeln, an denen die Realität nur scheitern kann. Stichwort große Glückseligkeit und Ramareklame, ihr wisst, was ich meine.
Ich empfinde die Aussage, nachdem ich ein paar Tage darauf herumgedacht habe, als schlichte Nabelschau, die, wenn sie zu lange dauert, am Ende des Tages niemandem guttut. Den Müttern, die zu diesem Schluß kommen, nicht. Und ihren Kindern erst recht nicht. Die Kinder sind nunmal da, und anstatt ewig damit zu hadern, ist es vielleicht der gesündere Weg, das so möglichst hinzunehmen, und das Beste draus zu machen, anstatt sich lang und wiederkehrend mit hätte, hätte Fahrradkette aufzuhalten. Denn: davon ändert sich genau nix.
Die Entscheidung, ein Kind oder mehrere Kinder zu bekommen, ist endgültig und unwiderruflich. Kein Rücktrittsrecht, keine Hintertür, nix dergleichen. Wer ein Kind bekommt, der bindet sich, auf Jahrzehnte. Meine eigene Mutter (die im übrigen von vorneherein keine Kinder wollte, ohne den dringenden Wunsch meines Vaters gäbe es mich schlicht nicht. Er hat sich das nach drei Jahren anders überlegt, sie kam nicht mehr raus aus der Nummer. Andere Geschichte. Und meine Mutter ist großartig als solche) behauptet, lebenslang.


Nun leben wir aber offenbar in einer Gesellschaft, in der das mit dem Festlegen irgendwie nicht so der Bringer ist, weil: alles geht. Was du heute entscheidest, kannst du dir morgen wieder anders überlegen. Gilt auch für Jobs, Beziehungen, Wohnorte, Lebensinhalte. Aber eben nicht für Kinder. Die hast du, einmal zur Welt gebracht, an der Backe, fertigaus. Und dann kommt es vielleicht ganz anders, als man sich das vorher so ausgemalt hat, mit dem Kind oder den Kindern. Und das ist nicht immer schön, wirklich nicht. Hier vergeht selten ein Tag, an dem ich mich nicht frage, warum, zum Teufel, wir Kinder bekommen haben und noch eines mehr bekommen. Ein guter Tag kann schon sein, wenn ich mich das nur einmal frage. Und ja, das bedeutet Verzicht auf vieles, und Hintanstellen vieler meiner eigenen Bedürfnisse. Egal, ob wir da "nur" über einen heißen Kaffee reden, oder meinen Wunsch, in Ruhe ein Buch zu lesen. Das nervt, klar. Wie weit ich mir aber von meinen Kindern den Verzicht auf meine Bedürfnisse aufzwingen lasse, das hab ich - nach dem Säuglingsalter - durchaus auch selbst mit in der Hand. Das Leben mit den Kindern bedeutet hier oft, einen Kompromiss zu finden zwischen dem, was sie wollen und dem, was ich will, und dem, was der Kindsvater will und dann noch dem, was wir als Paar abseits der Elternfunktion so wollen. Eine Menge Kompromiss. Aber gesichert nicht, dass ich mich aufgebe, aufopfere, der Brut zuliebe, und als Persönlichkeit komplett hinter der "Mutterrolle" (wie genau sieht die eigentlich aus? Es gibt so viele verschiedene "Mutterbilder", und keines davon entspricht mir und meiner Familie wirklich. Wir mußten und müssen den Weg, der für uns passt, immer wieder neu suchen) verschwinde. Das mit den Kompromissen ist in Zeiten der dauernden Selbstoptimierung, dem Drang nach Perfektion und der Verwirklichung der möglichst unverwechselbaren Individualität aber auch wieder so eine Sache, die irgendwie uncool ist, scheinbar.

Ich verstehe daher Texte, in denen vor allem bejammert wird, wie unfrei die Mutterschaft doch macht, nicht wirklich. Hell, yes, das tut sie. Für einen sehr begrenzten Zeitraum ist da ein Wesen, das zum überleben darauf angewiesen ist, dass ich, und der Kindsvater bitte möglichst auch, in der Lage sind, die elementaren Bedürfnisse dieses Wesens ohne Aufschub zu befriedigen. Das macht unfrei, es bindet, es verpflichtet, es erzeugt das Gefühl von Fremdbestimmtheit, ja. Aber, aufgepasst, viele Dinge im Leben tun das. Ein Kind zu bekommen, ist sicherlich das einschneidenste  davon, aber mitnichten das einzige. Wenn ich angestellt arbeite, bin ich in der Regel sehr unfrei in meiner Zeitgestaltung, zB. Wenn ich nicht auf einem Grundstück ohne unmittelbare Nachbarschaft lebe, bin ich nur bis dahin frei, wo die Freiheit meiner Nachbarn anfängt. Wenn ich mich in der Gesellschaft bewege, bin ich gebunden an Werte, Regeln, Normen, Gesetze. Fremdbestimmung aller Orten. Vieles davon hat meinem Empfinden nach damit zu tun, erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Das ist nicht immer cool, es macht nicht immer Spaß, und ich finde es nur menschlich, manchmal schreiend davonlaufen zu wollen, wie ein Kind mit dem Fuß aufzustampfen und zu sagen "ich WILL das aber nicht. Ich WILL was ganz anderes, ich will machen was ich will, nicht was ihr wollt." Ich muß aber auch nicht auf alles verzichten, nur weil ich Kinder habe. Ich kann wählen, meinen Kindern auch Dinge zuzumuten, die ihnen nicht gefallen, um etwas tun zu können, was MIR gefällt. Das finde ich legitim, und ich finde es wichtig, damit ebendiese Kinder lernen, sie sind nicht der Mittelpunkt des Universums, sondern sie sind ein paar unter ganz, ganz vielen mit Wünschen, Sehnsüchten, Vorstellungen, Ideen. Und alle diese haben ihre Berechtigung.

Das Leben präsentiert doch alle naslang Dinge, die man sich eigentlich ganz anders vorgestellt hatte. 
Das mit den Kindern ist eben eines davon, vielleicht das elementarste von allen, weil es eben nicht rückgängig zu machen ist und nicht mehr geändert werden kann. Das darf, finde ich, jede Mutter auch bereuen, und sagen, "würd ich nicht mehr machen, wenn ich nochmal davor stünde und wüßte, was ich heute weiß". Das ist erstmal nur ehrlich und hat in meinen Augen weder etwas mit "schlechte Mutter" noch mit "Tabubruch" oder Lieblosigkeit zu tun. Übereinstimmend sagen alle diese Mütter, auch wenn sie nicht wieder Kinder bekommen würden, könnten sie wählen, dass sie ihre Kinder lieben. DAS ist für mich das elementare, das wirklich wichtige dabei. Denn Liebe ist das, was unsere Kinder neben der Erfüllung der absolut nötigen Bedürfnisse wie essen, trinken, schlafen am allermeisten brauchen, um lebenstüchtige Menschen zu werden, auch wenn es kitschig klingt. Das macht es nicht weniger wahr. 
Wie dann mit der Reue umgehen, DAS ist in meinem Empfinden die Crux dabei. Und mir fällt nicht viel ein, neben Anerkennung der Reue und dann schlicht weitermachen. Wie bei allen anderen Entscheidungen, die im Nachgang bereut werden, eben auch. Denn die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, und im bereuen, bedauern, beweinen und hadern hängenzubleiben, lähmt, macht unfrei und verhindert, Frieden zu schließen mit der falschen Entscheidung, und auch daran zu wachsen und vielleicht zu sehen, dass es am Ende auch die falschen Entscheidungen sind, die uns und unser Leben ausmachen, gut machen und zu dem, was es ist. Nicht perfekt, nicht makellos, nicht Hochglanz und nicht supercool, aber unser ganz eigenes.

Für die Gesellschaft, in der wir alle mit unseren Familien leben, würde ich mir wünschen, dass die Debatte um #regrettingmotherhood dazu führt, dass eine ehrliche Diskussion möglich wird, über das, was Familie ist und sein soll, abseits von Seifenblasenreklameklischees, Machbarkeitswahn, Vereinbarkeitsdiskussionen und absurd hohen Ansprüchen in alle Richtungen. Davon hätten wir alle was. 



Kommentare

  1. Danke dir für diese Worte.
    Ich hab immer ein ganz fürchterlich komisches Gefühl im Bauch, wenn ich das so lese, was da grad geschrieben wird zu. Und ich danke dir ganz herzlich dafür, dass du Worte gefunden hast, die sich in meinem Bauch ganz gut anfühlen ;)

    Ich wünschte, es gäbe dieses angebliche Tabu nicht. Wenn es das nicht gäbe, wäre es den Müttern, die ihre Mutterschaft bereuen, vielleicht möglich, bereits viel früher - bevor man endgültig alles kacke findet - mal Hilfe zu rufen und zu suchen und es so zu schaffen, sich selbst nicht zu verlieren. Denn das muss nicht sein. Man muss nicht alles allein schaffen und man könnte so vieles gemeinsam stemmen, was allein vielleicht zu schwer aussieht. Wenn man sich nur trauen dürfte, etwas zu sagen.
    Ich selbst tue das, ich kenne zum Glück auch viele Frauen, die das tun. Die sagen: Es reicht, ich brauche ... eine halbe Stunde Ruhe, 2 Tage Wochenende ... was auch immer. Die Hilfe bekommen, sodass sich dieser Verlust der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse nicht anstaut. Aber manche Menschen können das nicht. Dürfen das nicht. Schrecklich.
    Und am Ende - sind doch wir die, die den Kindern das Leben geschenkt haben und die verdammt noch mal genau dafür da sind :D Es wäre schön, wenn die Gesellschaft es einem etwas leichter machen würde. Denn ich glaube fest daran, dass es nicht naturgegeben ist, seine Kinder nicht zu lieben, seine Mutterschaft zu bereuen ...

    Naja, lange Rede, kurzer Sinn: Danke dir :)

    Grüßkens
    Melissa

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  2. Du hast recht. Dein Text gefällt mir sehr sehr gut. Und dabei hättest du mehr Grund, mal die Flinte ins Korn zu werfen als manch andere.
    Wie meine Oma schon immer sagte:
    Et ess halt su.
    Es ist halt so.
    Zu dem Thema habe ich dann doch auch was geschrieben... wollt ich ja eigentlich gar nicht.
    Ganz ganz liebe Grüße!! Ich hoffe, dir gehts gut!
    Doro

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  3. Ich finde Deine Worte sehr treffend und schön. Danke.

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