Auslese

Ich war krank. So richtig doof grippal infektiert und Bauchweh habe ich nun auch schon seit Tagen. Gastritis, hat der leicht hysterisch angehauchte Besuch in der Ambulanz heute ergeben. Könnt' ja immer auch was mit dem Minimensch sein. Dummerweise kann man als Mama ja nicht wirklich krank sein mit im Bett liegen und auskurieren, zumindest dann nicht, wenn sonst niemand greifbar ist, der die Gören hüten kann. Ich schlepp mich also durch die Tage und bin froh, wenn ich abends im Bett liegen darf. An nähen ist aktuell gar nicht zu denken, was mich zusätzlich nervt.
Der Vorteil ist, dass ich aktuell wieder mehr lese, weil ich einfach früher im Bett bin. Und den Autor, den ich vor einiger Zeit für mich entdeckt habe, den mag ich mal vorstellen. Er heißt Jonathan Tropper, und ich bin zufällig in der Buchhandlung meines Vertrauens über ihn gestolpert. Der Klappentext von "Sieben verdammt lange Tage" hatte es mir angetan:


"Familientreffen bei den Foxmans enden stets mit zuschlagenden Türen und quietschenden Reifen, wenn Judd und seine Geschwister das Weite suchen. Doch nun ist ihr Vater gestorben und die Familie muss Schiwa sitzen, sieben Tage die traditionelle jüdische Totenwache halten. Für die Foxmans beginnt eine verdammt lange Woche, denn diesmal kann niemand von ihnen weglaufen – und noch dazu erfährt Judd ausgerechnet jetzt, dass seine geliebte Frau endlich schwanger ist. Aber nicht von ihm …"

Da ich selber über eine reichlich verquere Familie verfüge, war das genau mein Ding. Ich glaub, ich hab das Buch in einer Woche ausgelesen, das ist für meine aktuellen Verhältnisse wirklich schnell.
Ich hab Tränen gelacht, und Tränen geweint. Der Autor hat einen grandios trockenen Humor und lässt seinen armen gebeutelten Protagonisten von einer unmöglichen Situation in die nächste stolpern. Tropper beherrscht dabei die Balance zwischen Komik und Tragik wirklich perfekt. Dieses Buch ist wie das Leben selber - urkomisch, todtraurig, voller ungeahnter Wendungen und Lügen, und Wahrheiten, die universell sind. Eine davon ist, dass Familie eben Familie ist, und man ihr nie wirklich entkommt. Ich war lange nicht mehr so traurig über die letzte Seite eines Buches, und habe mir sofort Nachschub besorgt:

Mein fast perfektes Leben

 "Träumen wir nicht alle von der großen, wahren Liebe? Hailey war alles, was Doug sich jemals gewünscht hat – doch nun hat er sie durch einen tragischen Unfall verloren. Und sich direkt dazu. Doug klammert sich wild entschlossen an seiner Trauer fest, dem Einzigen, was ihm vom Glück noch geblieben zu sein scheint. Da kommt es denkbar ungelegen, dass es Menschen gibt, die ihn brauchen: sein pubertierender Stiefsohn, seine scharfzüngige Schwester, seine Eltern. Ganz zu schweigen von der Nachbarin, die den attraktiven Witwer wie ein hungriger Hai umkreist. Nein, Dougs Leben ist alles andere als perfekt – aber es hilft nichts: Er muss es wieder in den Griff bekomme..."

Fand ich schwächer, als '7 verdammt lange Tage', aber immernoch sehr, sehr gut. Der Protagonist ist ein 29jähriger Autor, dessen elf Jahre ältere Ehefrau bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Doug sitzt nun also in einem klassischen Mittelstandssuburbiahaus, für das er viel zu jung ist, mit einem Stiefsohn, der sein kleiner Bruder sein könnte und mit 16 Jahren gerade mitten in der Pubertät steckt - samt der zugehörigen Konflikte mit Schule und Regeln. Seine eigene Familie hat ebenfalls ihr Päckchen zu tragen, mit einem Vater, der seit einem Schlaganfall sexbessen und ansonsten etwas wirr ist, einer Mutter, die das unerträgliche Altern mit reichlich Weinkonsum kompensiert, einer Zwillingsschwester, die schwanger ist, den Kindsvater aber nicht mehr liebt und einer kleinen Schwester, die eiffersüchtig auf die Zwillingsverbundenheit ist, und außerdem in Hochzeitsvorbereitungen steckt. Reichlich Zündstoff für Situationen, in denen man selbst nie stecken will. Und mit einem Ende, das tröstlich, aber nicht kitschig ist. Lesezeit circa zehn Abende und eine Autofahrt Berlin-Bremen.

Aktuell liegt auf meinem Nachttisch, aber das Ende ist schon sichtbar, leider:

Der Stadtfeind Nummer eins.
 Das Buch ist vergriffen, und nur noch antiquarisch erhältlich.

Hier verlässt der Protagonist Joe nach der High School seine Heimatstadt und wird zum gefeierten Autor. Mit einem Buch, das an quasi keiner Figur ein gutes Haar lässt. Dummerweise sind alle Figuren in diesem Sensationserfolg wahre Charaktere aus eben seiner Heimatstadt, was Joe dort zur Persona non Grata werden lässt. Als sein Vater einen Schlaganfall erleidet, und Joe zurückkehrt nach Bush Falls, fällt er Empfang dann auch eher kühl aus. Um es mal freundlich zu formulieren.

Das bisher beste Buch, was ich von Jonathan Tropper lese. Tragik ist Komik in Spiegelschrift, das ist erstens wahr, und zweitens ist es das Markenzeichen dieses Autors, diese beiden Seiten des Lebens perfekt zu verbinden. Und in diesem Roman liegen Komik und Tragik so verdammt eng zusammen, dass ich ihn nur mit einer Packung Taschentücher in Griffweite überhaupt noch in die Hand nehme.

Die Entdeckung dieses Autors ist für mich mal wieder ein starkes Argument für die Unterstützung des inhabergeführten, nicht einer Kette zugehörigen Buchhandels. Weder beim Internetriesen, noch bei einer der üblichen Verdächtigen, wäre ich jemals auf ihn gestoßen. Und hätte immens was verpasst.

Und jetzt geh ich endlich ins Bett.
Allseits einen schönen Wochenstart.

Kommentare

  1. Och Mensch, Paula, erst einmal wünsche ich dir GUTE BESSERUNG!!! komm schnell auf die Beine,
    ....ja und dann möchte ich dir DANKE sagen für die interessanten Bücher, die du da vorgestellt hast...ich werde jetzt in der nächsten freien Minute in meine Buchhandlung des Vertrauens flitzen und eine Bestellung aufgeben...
    Einen schönen Wochenstart wünscht dir Sandra

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  2. Gute Besserung, Du Gute, und vielen Dank für den Buchtipp, dafür bin ich immer dankbar.
    Beste Grüße von Nina

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  3. Danke für die Vorstellung dieser Bücher! Die treffen genau meinen Geschmack. Ich mach mich auch gleich mal auf die Suche!
    Lg Riggi ;-)

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  4. Die klingen verdammt nach "Bücher für Luci" ... Danke für die tollen Rezensionen, ich werd wohl gleich mal gucken gehen ...

    Danke!
    Luci

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